Teil 4/4
Eine fast unglaubliche Reise

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Auf nach Neuschottland, ruft Peter und winkt Neufundland Goodbye. Alles neu hier, denkt er und hätte gerne noch einmal mit seinem Schnurrbartbruder gesprochen, dem Mountie-Vorsteher, um zu erklären, dass nichts an ihrem Tun illegal gewesen war und die Flucht nur so eine kleine Spontanreaktion, wie sie einen manchmal eben überkommt. Andererseits hat der Weihnachtsmann jetzt richtig gute Laune, weil er Verfolgungsjagden liebt und natürlich auch weil er ein bisschen stolz darauf ist, dass diese hier nur wegen ihm stattgefunden hat.

Wieso heißen Rentiere eigentlich nicht Renntiere? fragt Thorsten in die Runde.

Statt zu antworten spielt der Weihnachtsmann Ich war noch niemals in New York von Spotify und fängt an mitzubrummen, obwohl er ja jedes Jahr dort ist.

Sie erreichen die Küste von Neuschottland, fahren aber gleich weiter am Ufer entlang Richtung Portland, wo sie sich ein Basketballspiel der Portland Trailblazers auf einer Bank direkt hinter den Spielern am Spielfeldrand ansehen. Es stellt sich heraus, dass der Weihnachtsmann über ausgesprochen beeindruckende Kontakte verfügt und ihnen darüber in New York auch schon eine Gratis-Suite im Plaza organisiert hat. Der Weihnachtsmann ist so begeistert vom Star der Portland Trailblazers, Carmelo Anthony, wie Carmelo Anthony vom Weihnachtsmann, so dass kurz zur Debatte steht, ob der Basketballstar sich der Reisegruppe anschließt. Geht aber nicht. Sponsorentermin und das nächste Match. Weinend bleibt Carmelo Anthony zurück.

Wenig später erreichen Sie New York auf dem Seeweg. Weil sie über den Long Island Sound einfahren und die Manhatten-Insel über die Bronx erreichen, ist erst mal nichts mit Freiheitsstatue und Freedom-Tower, so dass das Pilgergefühl ausfällt und Münte ein wenig enttäuscht ist, der als einziger wirklich noch niemals in New York gewesen war. Sein trauriger Blick wird aber wahrgenommen und die anderen versprechen einen Besuch von Liberty Island am nächsten Morgen.

Zunächst verlassen Sie aber an einer Mole den East River und fahren direkt vors Plaza in der 5th Avenue. Der Weihnachtsmann trägt einen schwarzen Anzug mit weißen Punkten drauf und wird auf der Straße nicht erkannt, wobei sich bei dieser Stardichte hier sowieso niemand für ihn interessieren würde. Die Suite bietet einen wunderbaren Blick auf den Central Park, der Rest vom Hotel ist aber eher ein vermuffter und völlig überteuerter alter Kasten. Für geschenkt kann man das aber mal machen, denkt sich Thorsten und schaut nach draußen. Es liegt Schnee und überall rennen Weihnachtsmänner herum.

Sag mal, fragt Peter, ist das hier nicht eine Urheberrechtsverletzung vom Feinsten? An allen Ecken tun die Leute so als wären sie du. Macht dich das nicht sauer?

Quatsch, sagt der Weihnachtsmann, das ist doch großartig. Die halbe Stadt will entweder sein wie ich oder freut sich wie wild, wenn sie mich sieht. Diese ganzen rotbäuchigen Typen da draußen sind eine Hommage. Was gibt es Schöneres, als bewundert zu werden?
Aber geht das denn nicht irgendwie gegen den Weihnachts-Esprit? Das ist doch eine reine Kommerznummer da draußen?
Hör mal, Peter, ich will dir ja nicht die Illusion rauben, aber den Job habe ich von Coca-Cola bekommen. Hier ging‘s immer schon ums Geld.
Wie jetzt, bist du dann auch gar keine 7.000 Jahre alt?
Ja doch schon, das ist so eine biologische Anomalie. Auch das mit der Geschwindigkeit und der Kraft und so. Aber bevor Cola bei mir angeklopft hat, habe ich mich eher so rumgetrieben. Mal hier den Pharaonen einen Schrecken eingejagt, mal da ein paar Laufwettbewerbe bei den antiken Olympischen Spielen gewonnen, mal dort den Kurierservice für Ludwig XIV übernommen. Aber genug von der Vergangenheit. Lass uns mal den Weihnachtsbaum vor dem Rockefeller Center anschauen, im Bryant Park ein bisschen Eislaufen und bei Serendipity einen heißen Apfelsaft mit Zimt und einen richtig dicken Eisbecher bestellen.
Der Weihnachtsmann hat‘s drauf, denkt sich Münte und hat natürlich recht. Nirgends müssen sie bezahlen und dass ein Hund dabei ist, stört auch niemanden. Das mag aber auch an den New Yorkern liegen, die völlig verrückt nach Hunden sind. Münte wird überall bewundert, geknuddelt und für diese bärenbraune Farbe gelobt. Sogar im Drei-Sterne-Tempel Eleven Madison Park wird er üppig bedient. So kann man also auch leben, denkt er sich und beglückwünscht sich selber für den Entschluss, diese Reise mitgemacht zu haben.

Am nächsten Tag wird noch durch den Central Park gejoggt, wo halb New York sich fit hält.

Sie treffen unter anderem eine seriös guckende Joggerin mit Papagei auf der Schulter, Hillary Clinton, einen 2 m 15 großen Transvestiten auf schwankenden High Heels und 12 A-List-Hollywoodstars, die hier genau wie der Weihnachtsmann vollkommen unbehelligt durch die Gegend rennen dürfen.

Hier interessieren sich zum Glück alle nur für sich selbst, sagt plötzlich der wie aus dem Nichts in die Landschaft materialisierte Carmelo Anthony. Er trägt Rollschuhe und klopft allen so auf die Schultern, dass sie husten müssen.
Wie, was, was machst du denn hier?, fragt Peter. Alle freuen sich.
Ausgebüchst. Die Trailblazers können auch mal ohne mich Körbe werfen gehen. Ich fahre mit nach Chattanooga.
Top, sagt Thorsten, und gut, dass Bernfriede Öschterle genug Fußraum eingeplant hat. In einen Cinquecento hätten wir dich nicht reinbekommen. Oder willst du auf deinen Rollschuhen hinter uns herrollen?
Nein, die sind für die Disco drüben am Wollman Rink.
Die Disco ist aber auf Eis, sagt eine drahtige Dame mit langen Haaren und wachem Blick, die auf einmal neben ihnen steht.
Peter und Thorsten boxen sich gegenseitig in die Rippen und fangen an verlegen zu kichern. Das ist doch, flüstern sie, das ist doch …
Yo Steffi, sagt Carmelo Anthony zu Steffi Graf und umarmt sie herzlich. Leute, sagt Hallo zu meiner Deutschlehrerin.
Alle sagen Hallo.
Die ist auf Eis?
Wir haben Winter, Carmelo. Rollschuhe Sommer, Eislaufschuhe Winter. Was macht ihr jetzt?
Sightseeing und dann fahren wir nach Chattanooga, um die Kolleginnen von diesen Quatschköpfen hier mit Weihnachtsgeschenken zu überraschen.
Liegt auf meinem Weg, nehmt ihr mich mit?
Na klar, sagt der Weihnachtsmann zu Steffi Graf, mein Rückhandslice will nämlich nicht wie ich will. Den kannst du mir dann auf dem Weg erklären.
Du spielst Tennis?, fragt Carmelo Anthony Steffi Graf.
Früher mal, nicht so wichtig.
Dann winken sie zwei Taxis an den Straßenrand, rufen dabei laut „Taxi“ wie im Film, obwohl die Taxifahrer das natürlich unmöglich hören können und Münte bangt um seinen Platz im Chrompfeil.

Der Rest des Morgens ist für die Bewunderung des geschäftig vor sich hin rumorenden Molochs New York da. Die schon wieder gewachsene Reisegruppe schaut noch mal schnell von den Brooklyn Heights auf Manhatten, fliegt einmal mit dem Hubschrauber alle Sehenswürdigkeiten ab, bleibt dabei fast an einer Antenne auf dem UNO-Gebäude hängen, isst dabei jede Menge Bagels, Donuts und Hot Dogs, bewundert die rauchenden Gullis und muss dann leider schon wieder aufbrechen. Leider, weil alle natürlich I love New York-T-Shirts und falsche Rolexuhren am Straßenrand gekauft haben und diese Liebe auch genau so meinen.
Übrigens, sagt der Weihnachtsmann zu Peter, wünscht sich der Mensch, der immer eure Texte schreibt, jedes Jahr wieder ein Appartement an der Upper Westside mit Blick auf den Central Park. Bescheidenheit ist nicht so seins, oder?

Ne, sagt Peter, der ist größenwahnsinnig und glaubt auch weiterhin daran, 2036 den Literaturnobelpreis zu bekommen, weil das die Karten seiner Schwester prophezeit haben. Seine Schwester ist Wahrsagerin.

Ah ja? Der Weihnachtsmann mag Größenwahn. Vielleicht bekommt er das Appartement nächstes Jahr, mal sehen.
Der Chrompfeil ist bis oben hin voll, schnurrt aber zuverlässig und auch mit dem erleichterten Münte Richtung Hudson.
Über den Lincoln-Tunnel fahren unsere Freunde rüber nach New Jersey, dann über den Interstate Highway 78 Richtung Westen und bezahlen jede Menge Mautgebühren. Je weiter sie ins Land fahren, desto größer werden die Autos, die Hüte und die Colaflaschen in den Supermärkten. Bei Harrisburg geht’s langsam Richtung Norden. Auf einem freien Feld entdecken sie einen Tennisplatz, wo Steffi Graf dem Weihnachtsmann kurz zeigt, wie ein gepflegter Rückhandslice geschwungen wird.

Irgendwann erreichen sie Harrisonburg, wo sie Halt machen und mit Deanna S. Read, der Bürgermeisterin, einer alten Freundin des Weihnachtsmanns, zu Abend essen (Spargel und Rhabarber, für alle, die das wissen möchten).
Die Kneipe ist ein wenig rau, aber nirgends wird hier besser gekocht, sagt Deanna S. Read und schon fliegt das erste Bierglas an die Wand. Beim Flug spiegelt sich der blutrote Abendhimmel im Glas, das zwei Handbreit neben Peter an der Wand endet. Es stellt sich heraus, dass der Wurf nicht ihm gegolten hatte, sondern einem mit einer Gitarre umhängten Musikanten, der den Geschmack des Publikums nicht getroffen hatte. Nicht alle Amerikaner haben einen Baseballarm, der Werfer hat seinen Wurf vollkommen verzogen und die Scham steht ihm im Land von Babe Ruth ins Gesicht geschrieben. Alle lachen. Das Essen ist hervorragend. Am I dreaming, sagt jemand, or is that Santa, Steffi Graf and Carmelo Anthony sitting at one table?

Of course you’re dreaming and your dream just came true, sagt Carmelo und alle machen das Käsezeichen, weil der Spruch so cheesy ist.

Carmelo grinst, macht mit dem Weihnachtsmann, Steffi Graf und der Person, die die Frage gestellt hat, ein Selfie und schenkt ihr einen Basketball. Carmelo ist so groß, dass gar nicht auffällt, dass er die Taschen voller Basketbälle hat.
Danach geht es direkt weiter durch die Nacht, aber weder atemlos noch mit Helene Fischer. Ja gut, auch dieser Satz verdient das Käsezeichen. 12 Stunden sind das insgesamt von New York, aber auf einmal sind sie da. Chattanooga, die Stadt mit dem herrlichen Namen. Sie fahren über die Walnut Street Bridge, die eigentlich nur für Fußgänger ist, und sofort erklingt der Chattanooga Choo Choo von Glenn Miller, das erste Stück weltweit, das eine goldene Schallplatte bekommen hat und seit 80 Jahren pausenlos und überall in der Stadt gespielt wird. Nachzuhören hier.
Überall sind Elektrotankstellen. Das Amphibienauto atmet hörbar auf und parkt stolz auf einem Sonderparkplatz für schadstoffarme Autos mitten in der Stadt. Aber nur kurz, weil Peter und Thorsten sofort weiter wollen zu netcare Chattanooga in der Shallowford Road.

Aber erst einmal klingelt das Telefon.
Peter nimmt ab und hält sich das Telefon ans Ohr.
Wie? Ach so.
Er nimmt das Telefon wieder weg vom Ohr und schaut drauf.
Bildtelefonie, erklärt er.
Auf dem Bild ist die gesamte netcare-Belegschaft aus Belgrad zu sehen, um allen ein Happy Tannenbaum zu singen, nichts ahnend, dass Peter und Thorsten und wer weiß, vielleicht auch der Weihnachtsmann, Carmelo Anthony und Steffi Graf, Silvester in Belgrad verbringen wollen.
Ist das Steffi Graf?, fragt Chef-Coder Damir, als das schräg durch den Digitaläther gekrähte Ständchen sein Ende gefunden hat. Eine goldene Schallplatte wird es dafür wahrscheinlich keine geben.
Ja, sagt Steffi Graf und winkt in die Kamera.
Ich hab da so ein Problem mit meinem Rückhandslice …

Steffi Graf simuliert Verbindungsprobleme, als… d.., ba… Rück…, und drückt auf den Anruf-beenden-Knopf.

Jetzt gehen wir erst mal eure Chattanooga-Freunde überraschen.

Da ist sie. Die Shallowford Road. Wir haben es wirklich geschafft. In Thorstens Stimme schwingt eine ungewohnte Rührung mit.
Der Weihnachtsbaum wurde immer brav gegossen und hat sogar den Sturm in der Labradorsee unbeschadet überstanden. Allerdings nicht den Weg vom Parkplatz zum Gebäude, weil der Weihnachtsmann, der ihn persönlich überreichen wollte, an einer profanen Bordsteinkante hängenbleibt, ihm der Baum dabei mit Linksdrall aus den Händen pfeffert und in einem offenen Gulliloch verschwindet, wo er von einem Rudel Biber, das sein Glück nicht fassen kann, zum Dammbau abtransportiert wird.
Peter und Thorsten sind ein wenig fassungslos und starren für ein paar Minuten ins Leere. Viele tausend Kilometer lang war dieser Baum ein steter Quell der Vorfreude und jetzt soll der einfach weg sein? Wespen summen im Gebüsch herum. Die gibt es jetzt auch im Winter?, sagt Peter und findet das natürlich nur so semi. Als Wespe hat man es nicht leicht. Als frisch baumloser Baumschenkender aber erst mal auch nicht.
Hilft ja nichts, die Biber müssen auch leben, sagt Peter. Wir kaufen einfach einen neuen und behaupten, dass der aus dem Schwarzwald ist.
Den neuen Baum trägt vorsichtshalber Thorsten, die Mauldäschle und das Bier hat Peter im Rucksack, Carmelo Anthony hält drei Basketbälle in seiner rechten Hand, Steffi Graf ein paar Spendenformulare für ihre Kinderstiftung und der Weihnachtsmann hat wohl auch noch eine Überraschung in seinem Sack, während Münte findet, dass sein Erscheinen Geschenk genug sein muss.
Sie klingeln.
Nichts passiert.
Sie klingeln nochmal.
Nochmal passiert nichts.
Sie klingeln ein drittes Mal.
Ein drittes Mal passiert nichts.
Ja Herrschaftszeiten, sagt Peter, wo sind denn alle?
What are you fine people here for? Eine große Frau mit noch größerer Brille steht plötzlich vor ihnen und schaut sie fragend an.
We are looking for our colleagues from netcare, sagt Peter. You know where they are?
Sure, sagt die Frau und blickt von einem zum anderen, bevor sie Münte krault und das Einzige verkündet, was jetzt wirklich keiner hören will:
As far as I know they are in Germany.
Some small town.
They said something about a surprise.
Heiligs Blechle, krächzt Peter. HEILIGS BLECHLE.
Aber gut. Wir haben's versucht.
Ja, wir haben's versucht, sagt Thorsten. Und jetzt?

Lass uns ein bisschen Chattanoogaluft in die Flasche da füllen. Sonst glaubt uns das ja keiner.

Und dann feiern wir unsere Kolleginnen halt aus der Ferne. Wie jedes Jahr. Wenigstens können Carmelo Anthony und Steffi Graf jetzt mal Mauldäschle vom Metzger Tremmerlesmaier in Kirchentellinsfurth probieren und der Weihnachtsmann weiß endlich wie ein Rückhandslice geht, sagt Peter. Die Mauldäschle werden Carmelo Anthony so umhauen, dass er nächstes Jahr für die Walter Tigers Tübingen spielt. Schon kommt eine Whatsapp vom größenwahnsinnigen netcare-Texter an Peter:
Krass, Carmelo Anthony spielt nächstes Jahr für die Walter Tigers. Hat meine Schwester in der Glaskugel gesehen. Bitte besorg mir ein Saisonticket.
Google is your friend, textet Peter zurück, schnappt sich einen der überdimensionierten amerikanischen Einkaufswägen und füllt ihn mit allem, was man für eine gute Brühe und schwäbischen Kartoffelsalat braucht.

The End.

Jedes Ende ist auch ein Anfang, aber was unserer Freundinnen und Freunden in Belgrad und auf der Reise dorthin passiert, das soll zu einer anderen Zeit erzählt werden. Wir wünschen frohe Feiertage und ein elegantes Rutschen in ein famoses 2022.